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Viel Hübsches und Nettes
Windows Vista ist (bald) da
Die Weiterentwicklung von Windows scheint vor allem eine Schönheitskur gewesen zu sein: Microsoft hat die Benutzeroberfläche von Windows Vista liebevoll aufpoliert. Zum Leidwesen erfahrener Anwender sind viele Funktionen nicht mehr an ihrem gewohnten Platz. Häufige Warnhinweise und Lizenzkontrollen nerven im Alltag.
«Oh, das ging aber schnell», entfährt es einem, wenn sich Windows Vista 30 Minuten nach dem Start der Installation bereit zur Arbeit meldet. Der Vorgänger, Windows XP, vertrödelte für die Installation meist über eine Stunde. «Ach, wie hübsch», hört man sich sagen, wenn dann Vista mit einem farbenfrohen Bildschirmhintergrund und transparenten Fenstern startet. Dieses liebliche Erscheinungsbild prägt den Umgang mit dem neuen Windows: Es gibt viel Hübsches und Nettes, aber nichts Überwältigendes oder Unerlässliches.
Ärger mit alter Software
Die Entwickler haben den Fenstern, Knöpfen und Ikönchen viel Kosmetik angedeihen lassen. Alles ist ein bisschen runder, sanfter und transparenter geworden und ähnelt verblüffend dem erfolgreichen Apple-Design. Dass Schönheit aber Leiden fordert, merkt man bei den Hardwareanforderungen von Vista: 20 GByte freier Speicherplatz, 512 MByte RAM, flinker Prozessor und vor allem eine moderne Grafikkarte sind Voraussetzung, damit Vistas Schönheit glänzt. Wenn ein PC mehr als zwei Lebensjahre auf dem Buckel hat, lohnt sich eine Aktualisierung auf Vista kaum, man tut gut daran, stattdessen einen neuen Rechner mit vorinstalliertem Betriebssystem und optimierter Hardware zu kaufen.
Ärgerlich für Umsteiger ist, dass unter Vista viele Hilfsprogramme von Windows XP nicht mehr funktionieren. So scheitern sowohl Virenscanner als auch Programme für die Datensicherung und Diagnosetools. Als Erstes muss also Geld in neue Sicherheitsprogramme investiert werden. Viele Spiele erfordern unter Vista einen Administratorenzugang und teilweise Installationstricks, andere Spiele, wie beispielsweise «Gothic», streiken unter Vista komplett. Probleme macht Vista teilweise auch mit bestehender Hardware; viele Hersteller von Erweiterungskarten (Grafik, TV-Empfang, Funknetzwerk) haben noch keine passenden Treiber parat.
Suchen und Finden
Es gibt aber auch Erfreuliches zu berichten: Beispielsweise hat der «Start»-Knopf jetzt eine Suchfunktion. Um das Programm Paint zu starten muss man sich also nicht mehr mühsam durch Menubäume hangeln, sondern kann einfach «Pai» tippen, und schon startet das Malprogramm Microsoft Paint. Auch Dateien lassen sich einfacher finden. Sobald man in das Suchfenster des Explorers schreibt, wird eine Dateiliste mit passenden Einträgen angezeigt. Je mehr man dabei tippt, desto kürzer wird die Liste. Vista berücksichtigt bei dieser Suche auch Dateiinhalte und Attribute, findet also beispielsweise eine Textdatei anhand eines in ihr enthaltenen Wortes oder eine MP3-Musikdatei über den Interpreten.
Leider ist die Suchfunktion in der Praxis aber undurchschaubar und oft unzuverlässig; so findet man beispielsweise Musiktitel im Netzwerk nicht, oder die Suchfunktion ignoriert den Inhalt vieler Textformate. Hier hat Microsoft das Vorbild von Apple Spotlight bei weitem nicht erreicht. Unter Windows zeigen Angebote von Drittherstellern - Copernic Desktop Search oder Svizzer -, wie eine gute Suchfunktion aussehen kann.
Grosse Erleichterung bei der alltäglichen Arbeit bringt Vista für Notebook-Besitzer: Alle nötigen Einstellungen und Funktionen sind in einem Mobilitätscenter zusammengefasst. Netzwerkeinstellungen für verschiedene Arbeitsorte lassen sich nun einfach verwalten: Je nachdem ob man sich zu Hause, im Büro, im Internetcafé oder im Zug befindet, passt der Rechner die nötigen Zugangseinstellungen automatisch an. Dass die Batteriestandsanzeige von Mobilrechnern den verbleibenden Saft nicht nur als Prozentangabe, sondern in Stunden und Minuten anzeigt, sei Microsoft hier ebenfalls lobend verdankt. Aufgrund der höheren Anforderungen reduziert allerdings Vista die Akku-Laufzeit um 20 bis 35 Prozent gegenüber Windows XP. Eine der unzähligen Detailverbesserungen in Vista ist ferner der «Präsentationsmodus». Dieser verhindert, dass das Betriebssystem eine Powerpoint-Präsentation vor der Geschäftsleitung mit der aufdringlichen Meldung «Sie haben neue E-Mails» unterbricht und den Präsentator der Lächerlichkeit preisgibt.
Klick-Boxen
Die Sicherheit von Vista soll verbessert worden sein; im Alltag manifestiert sich dies vor allem in einer grossen Zahl mehr oder weniger lästiger Warnhinweise. Ist man als Administrator angemeldet, kann man diese wegklicken, normale Anwender müssen erst Hilfe holen. Die meisten Privatanwender werden sich deshalb weiterhin als Administratoren anmelden und die Warnungen aus Gewohnheit rasch beseitigen. Dadurch nützt die nervige Fragerei letztlich genauso viel wie die seit Jahren freundlich gemeinte Mahnung «Wollen Sie diese Dateien wirklich löschen?»: Man hat sie schon hundertmal weggeklickt und im Ernstfall dann zu spät gemerkt, dass man dieses eine Mal seinem Klick-Reflex nicht hätte nachgeben sollen. Vista ist allerdings sicherer geworden. Man hat bessere Chancen, einen streikenden PC wieder zu reanimieren. Neu kann Vista sogar sich selbst komplett auf eine externe Festplatte sichern, leider aber nur in der teuren Business- Version. Heimanwender müssen sich weiterhin mit Tools wie Acronis TrueImage behelfen.
Eine Herausforderung für Teenager und ein Paradies für Scheidungsanwälte dürfte die neue Kinderschutzfunktion von Vista werden. Die Idee dahinter ist, dass jedes Kind auf dem Rechner ein eigenes Konto erhält und die Eltern Einschränkungen definieren können. Der Jugendliche kann beispielsweise den PC nur während gewisser Tageszeiten nutzen und nur Spiele seiner Alterskategorien starten. Ähnlich lässt sich auch der Web-Zugriff filtern oder auf bestimmte Adressen einschränken. Der Jugendschutzfilter kann aber schnell zum Schnüffeltool werden, da er über eine komplette Protokollfunktion verfügt. Diese listet alle gestarteten Programme inklusive Nutzungsdauer, besuchter Webseiten, verschickter E-Mails und sogar Chat-Partner auf. Es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis nicht nur fürsorgliche Eltern, sondern auch misstrauische Ehepartner die Überwachungsfunktion entdecken. Als Schnüffelei dürfte von vielen auch die neue Lizenzkontrolle bei Vista empfunden werden. Der PC «telefoniert» dabei regelmässig mit Redmond, dem Hauptsitz von Microsoft, um sicherzustellen, dass keine illegalen Vista-Kopien genutzt werden.
Zusätze, Multimedia
Microsoft hat Vista mit zusätzlichen oder verbesserten Anwendungsprogrammen ergänzt. Das Mail-Programm enthält nun einen Spam-Filter, ein neuer Kalender ermöglicht jetzt die Terminverwaltung, die Fotogalerie beherrscht jetzt auch die Bildretusche. Noch eher wackelig in unserem Test war Sprachein- und -ausgabe: Dabei lässt sich der Rechner mit Sprachbefehlen steuern, und Bildschirminhalte werden von einer künstlichen Stimme vorgelesen. Frisch alimentiert wurde auch der Spieleordner; zu den insgesamt neun Programmen gehören neu auch Schach und Mah-Jongg.
Fazit: Beim ersten Kontakt verwirrt Vista den erfahrenen Windows-Benutzer, weil sich viele Einstellungen nicht mehr an ihrem gewohnten Platz finden. Auf Dauer freundet man sich aber zunehmend mit der lieblichen Oberfläche an. Zwingende Gründe, einen bestehenden XP- Rechner auf Vista aufzurüsten, gibt es nicht, und neue PC werden ab Ende Januar ohnehin nur noch mit Vista ausgeliefert. Heimanwender müssen dann allerdings darauf achten, ob der Hersteller Home-Basic oder Home-Premium von Vista mitliefert. Der Basic-Ausgabe fehlen viele Design- und Multimedia-Funktionen.
Eine Aktualisierung bestehender Rechner lohnt kaum: Der günstigste Update von XP- Home auf Vista-Home-Basic kostet immerhin rund 170 Franken, Business-Anwender mit XP- Professional müssen rund 460 Franken für die Aktualisierung budgetieren.* Will gar ein Linux- Anwender auf die Business-Ausgabe von Vista umsteigen, kostet die nötige Vollversion gegen 700 Franken.
* www.microsoft.com/switzerland/windowsvista/de.
Neue Zürcher Zeitung; 17.11.2006[0]; Nummer 268; Seite 67
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