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Die Computerspielbranche setzt auf Dienstleistungen
Bei Computerspielen dreht sich das Geschäft vermehrt um Online-Dienstleistungen. Angebote wie Xbox Live von Microsoft verweisen auf eine Zukunft, in der Software zumeist nicht mehr gekauft und fest installiert, sondern als Service vorübergehend gemietet wird. Viele meinen, Computerspieler seien lichtscheue Einsiedler. Die Wahrheit ist: Es sind global vernetzte Teamplayer. Während Microsoft und Sony um Marktanteile bei den Spielkonsolen streiten, präsentiert sich der Onlinespielanbieter Blizzard in der Rolle des lachenden Dritten: Gegen eine Milliarde Dollar an Abogebühren haben die sieben Millionen Mitspieler bei «World of Warcraft» bisher bezahlt, um via Internet an einer virtuellen Phantasiewelt teilzuhaben. Microsoft zeigte nun aber in Barcelona anlässlich der X06, eines Branchenanlasses für Softwareentwickler und Journalisten, wie sie ihre weltweite Internetspielplattform Xbox Live zügig ausbauen will, damit sich Nutzer von PC-Spielen, Konsolenzocker und Handy-Daddler in einer Internet-basierten Spielwelt treffen und bekämpfen können. Die Zukunft des Spielens im Internet
Die Marktforscher von DFC Intelligence gehen davon aus, dass der Markt für Onlinespiele von 3,4 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf 13 Milliarden Dollar im Jahr 2011 wächst. Das Onlinespiel «World of Warcraft» (WoW) hat sich beispielsweise für den Vivendi-Konzern zur einer eigentlichen Gelddruckmaschine entwickelt. Allein in Europa zahlen eine Million Spieler monatlich rund 20 Franken, um der Alltagswelt entfliehen und als virtuelle Figur in einer Serverfarm nach Ehre und Reichtum jagen zu können. Viele jugendliche Gamer liefern so ihr Taschengeld bei WoW ab, was der klassischen Spieleindustrie zunehmend Kopfzerbrechen macht. Denn für klassische Konsolenspiele bleibt im Budget der Gamer nur noch wenig übrig.
Auch Robin Truchy wäre es wohl lieber, wenn die WoW-Spieler auf Microsofts Spielkonsole Xbox 360 statt auf dem PC via Internet spielen würden. Denn als Europa-Direktor von Xbox Live ist er für das Onlinegeschäft von Microsofts Spielkonsole zuständig und dürfte sich schon ein wenig über Abozahlungen ärgern, die bis jetzt zu Vivendi statt zu Microsoft fliessen. «Für Microsoft ist Xbox Live sehr wichtig. Das vernetzte Spielen und Xbox Live als weltweit verbundene Plattform wachsen ständig. Es gibt kaum mehr neue Spiele ohne Live-Support, das heisst, man kann beispielsweise sein Autorennen gegen mehrere Gegner aus verschiedenen Kontinenten fahren. Xbox Live wächst aber auch als Marktplatz: Wir bieten dort über 1500 Produkte an, von Spieledemos, zusätzlichen Levels für gekaufte Spiele bis zu Retro-Spielen, die früher auf Spielautomaten zu sehen waren. 3 Millionen Mitglieder von Xbox Live haben bisher 56 Millionen Dateien auf ihre Spielkonsole heruntergeladen», freut sich Truchy über die zunehmende Nutzung.
Immerhin 60 Prozent der über 5 Millionen Xbox-360-Besitzer nutzen inzwischen das Internetportal der Xbox, allerdings meist nur als nicht zahlende Silber-Member. Die jährlich 100 Franken für eine Gold-Mitgliedschaft will bis anhin nur ein Bruchteil bezahlen. Microsoft hält Finanzinformationen zu Xbox Live unter Verschluss. Insider gehen davon aus, dass nur rund 10 bis 15 Prozent der Konsolenbesitzer ihre regelmässigen Abonnementsgebühren an Microsoft abliefern. Zusätzliches Geld fliesst allerdings in die Kassen von Microsoft und Spieleherstellern, wenn Gamer eines der meist aus den neunziger Jahren stammenden Retro-Games oder zusätzliche Inhalte für bereits gekaufte Spiele herunterladen und dafür einige Franken via Prepay-Verfahren entrichten. Bis jetzt verzichtet Microsoft darauf, «richtige» Spiele komplett via Download zu verkaufen. Einerseits ist der Speicherplatz in der Konsole beschränkt, andererseits will man es sich auch nicht mit dem Detailhandel verderben, der beim Spieleverkauf gute Margen hat. Handy und Spielkonsole vereint
Die Live-Plattform wird zurzeit massiv ausgebaut. Anfang nächsten Jahres werden sich dort erstmals gleichzeitig Windows-Gamer und Konsolenspieler im Baller-Epos «Shadowrun» gegenseitig bekämpfen können. Und mit «Marvel Universe Online» soll dann irgendwann auch ein Massive-Multiplayer-Spiel für Xbox und Windows auf den Markt kommen. Wie bei WoW können sich dann Zehntausende Spieler parallel in einer Welt tummeln.
Mit der Integration von Handys in Xbox Live denkt man bei Microsoft sogar schon eine Plattform weiter. Allerdings wird man auf den Smartphones mit Windows Mobile weniger ballern, sondern vielmehr mit seinen Spielerkameraden chatten oder kleine Knobelgames spielen. Robin Truchy träumte an der X06 auch bereits von ganz neuen Spielideen: «In Zukunft wird es möglich sein, dass Strategie- und Action-Version eines Spieles parallel in Xbox Live gespielt werden.» Dies sähe dann folgendermassen aus: Ein «General» spielt am PC den Strategieteil des Kriegsspieles «Halo». Er erteilt darin Aufträge an seine Kampfeinheiten. Die «Soldaten» dieser Einheit sind aber wiederum reale Spieler, die nicht am PC, sondern an der Spielkonsole Xbox 360 vernetzt mit der Action-Version von «Halo» kämpfen. Die Soldaten erhalten die Aufträge via Xbox Live, ihr Kampferfolg entscheidet über Sieg oder Untergang für den «General». 70 000 Konsolen für die Schweiz
Microsoft hat im Moment mit ihrer vernetzten Spielumgebung einen grossen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Die Nintendo-Konsole Wii, die Anfang Dezember in die Schweiz kommt, verfügt beim Verkaufsstart über keine Spiele für vernetztes Internet-Gaming. Sie will stattdessen die Spieler mit einer neuartigen Benutzerschnittstelle überzeugen. Die mobile Playstation Portable (PSP) von Sony hat zwar eine Internetanbindung, aber ebenfalls noch keine Multiplayer-Spiele via Internet. Die Playstation 2 beherrscht Internet-Gaming, ist aber inzwischen ziemlich bejahrt. Und die härteste Konkurrentin für Microsofts Xbox 360, die Playstation 3 von Sony, verpasst in Europa das Weihnachtsgeschäft wegen Produktionsproblemen. Daniel Hess, Xbox-Verantwortlicher bei Microsoft Schweiz, hat denn auch gut lachen, wenn er meint: «Wir gehen davon aus, dass im diesjährigen Weihnachtsgeschäft in der Schweiz rund 70 000 Konsolen verkauft werden und dass davon über ein Drittel Xbox-360-Geräte sein werden.» Angaben zum Internet-Geschäft gibt es auch bei Hess nur verklausuliert: «In der Schweiz hat sich der Umsatz mit Xbox Live gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.»
Neue Zürcher Zeitung, 6. Oktober 2006
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